Es entsteht ein neues Bewusstsein, welche Wirkung Räume haben

Interview mit Samir Ayoub von Designfunktion



Samir Ayoub hat eine Leidenschaft: die Gestaltung von Arbeitswelten. Seit 1999 ist der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann im Designgeschäft tätig, seit neun Jahren als geschäftsführender Gesellschafter von Designfunktion. Das Unternehmen mit mehr als 350 Mitarbeitern ist eines der führenden Planungs- und Einrichtungsunternehmen Deutschlands mit einem Markenspektrum von über 150 internationalen Herstellern. Ein Gespräch über Design als Wettbewerbsvorteil, Sitzen als das neue Rauchen und Büros, die glücklich machen.



Was ist gerade en vogue in der Bürogestaltung?

Die Top 3-Trends sind aus meiner Sicht Arbeitgeberattraktivität – über den Raum Menschen für das Unternehmen zu gewinnen –, Gesundheitsförderung und -prävention sowie der Raum als Übermittler von Unternehmenskultur.



Sie meinen, dass Unternehmen durch gutes Interiordesign Mitarbeiter gewinnen können?

Ja, genau. Es geht darum, Arbeitnehmer für ein Unternehmen zu interessieren. Ich weiß von vielen unserer Kunden, dass Bewerber gezielt nach ihrem Arbeitsplatz fragen. Aus einer bereits älteren Studie von Stepstone mit 6.000 Befragten geht hervor, dass neben den Themen Geld und guter, sinnstiftender Arbeit der Raum und die Arbeitsumgebung entscheidend dafür sind, für welchen Arbeitgeber man sich entscheidet.



Aus meiner Erfahrung betrifft das Thema gute Gestaltung als Wettbewerbsvorteil aber nur bestimmte Berufsgruppen und Unternehmen. Die Wirklichkeit in deutschen Büros sieht doch ganz anders aus, oder?

(lacht) Ich glaube, es tut sich gerade ziemlich viel. Es entsteht ein neues Bewusstsein, welche Wirkung Räume haben. Sie kann negativ sein und uns behindern – beispielsweise durch schlechtes Licht oder schlechte Akustik – und uns weniger leistungsfähig machen. Architektur- und designaffine Unternehmen waren mit dem Bewusstsein für die positive Wirkung von guter Gestaltung schon früher dran. Doch nun beginnt das Thema in der Breite der Wirtschaft anzukommen.



Warum wächst das Interesse an Design?

Es gibt eine Wechselwirkung, ein gegenseitiges Befruchten verschiedener Interiordesigns, egal ob zuhause oder im Büro – was vor allem mit der zunehmenden Mobilität zu tun hat. Bürowelten werden wohnlicher, Wohnungen werden zum Arbeitsplatz. Die Digitalisierung lässt uns arbeiten, wo und wann wir wollen.



Können gut eingerichtete Büroräume die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen steigern?

Ja, zum einem, indem man Kosten optimiert, also nicht zu viel Bürofläche anmietet. Der weitaus interessantere Aspekt ist aber, dass man den Mitarbeiter durch den Raum so unterstützt, dass seine Produktivität steigt. Das ist viel effektiver, als Kosten zu sparen. 



Braucht man in Zeiten digitaler Nomaden überhaupt noch Büros?

Das Büro bekommt eine neue Funktion: Es wird ein Ort der Vernetzung, des Socializing, der Verbundenheit mit dem Unternehmen. Wir haben in Deutschland Millionen Quadratmeter Bürofläche gebaut, die überall gleich aussahen und sich im grauen Einerlei gegenseitig übertroffen haben. Heute ist das Büro ein Kristallisationspunkt der Identität eines Unternehmens. Wenn man nur noch einen Teil seiner Zeit im Büro verbringt, dann muss dort erst recht Bindung zum Unternehmen entstehen.



Hinkt Deutschland hinterher, was die professionelle Gestaltung von Büros angeht?

Das würde ich nicht sagen. In Deutschland gibt es sehr innovative, starke Unternehmen und viele Ideen. Doch was den Flächengrad angeht, hat sich Deutschland lang in einer Komfortzone bewegt, die durch die Zellenbürowelten entstanden ist. Hier gibt es Aufholbedarf: Es muss wirtschaftlicher und moderner werden. 



Wie verändert sich das Büro in diesem Umfeld?

Es geht eindeutig in Richtung Multispace. Das bedeutet, dass das Büro zu einem Ort der Optionen wird, in dem man seine Arbeit auf verschiedene Arten erledigen kann – beispielsweise allein und konzentriert im Rückzugsraum oder mit einem Kollegen bei einem lockeren Gespräch im Working Café. Man nennt diese Arbeitsform auch Activity Based Working (dt.: Aktivitäten-basiertes Arbeiten). Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO haben wir eine Studie aufgelegt und 1070 Experten befragt. 53 Prozent gehen davon aus, dass in ihrem Unternehmen in den nächsten fünf Jahren der Multispace Einzug hält. Es gab noch nie eine Büroraum-Form, bei der erwartet wird, dass sie zukünftig mehr als die Hälfte der Projekte ausmachen wird.



Wird diese Art des Arbeitens von den Mitarbeitern angenommen?

Ich kenne Leute, die wollen ihren eigenen Schreibtisch haben und alle anderen Optionen dazu. Die Frage ist nur, ob das auch wirtschaftlich funktioniert. Wenn man sich die Mietpreise in deutschen Metropolen, die Ausstattungskosten und Präsenzzeiten am Arbeitsplatz anschaut, dann macht das nicht wirklich Sinn. Aber wir sind keine Zwangsbeglücker, und nicht jedes Unternehmen muss unbedingt Multispace-Konzepte umsetzen. Wir erheben die Ausgangslage jedes Kunden exakt, was zum Beispiel Arbeitsstile und Präsenzzeiten angeht, um festzustellen, welches Raum- und Organisationskonzept ideal ist.



Rauchen ist das neue Sitzen. Stimmt das?

Ja, weil das Sitzen inzwischen eine Volkskrankheit ist. Zu viel Sitzen kann unser Leben negativ beeinflussen, zuweilen gar verkürzen.



Spielt der Gesundheitsaspekt bei der Planung von Büros deshalb eine entscheidende Rolle?

Ja, Bewegung im Büro ist ein absolutes Top-Thema, denn ein großer, wirtschaftlich bedeutender Arbeitszeitausfall ist auf zwei Erkrankungsfelder zurückzuführen: Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie Psychische Erkrankungen. Beiden Erkrankungsfeldern kann man zumindest teilweise mit guten Büro- und Arbeitswelten vorbeugen. In den letzten 20 Jahren wurden in Deutschland viele ergonomische Bürodrehstühle verkauft, doch die Rückenerkrankungen sind dadurch nicht zurückgegangen. Deshalb kommen vermehrt Steh-Sitz-Arbeitsplätze zum Einsatz. Außerdem ist Bewegung im Büro ein wichtiges Thema: sich vom Arbeitsplatz wegzubewegen, möglichst verschiedene Körperhaltungen einzunehmen, kurz: mehr Bewegung in den Alltag bringen.



Braucht man für gute Gestaltung viel Geld?

Das ist keine Frage des Geldes, sondern, wie ich es richtig einsetze. Eine farbige Wand kostet beispielsweise nicht mehr als eine weiße. Wenn man sich neu orientieren will, muss man Geld in die Hand nehmen – das ist klar. Doch bei jeder Ersteinrichtung hat man die Wahl, was man anschafft.



Macht Ihr Büro Sie glücklich?

Ich habe gar kein festes Büro mehr, aber ich mag all unsere Standorte und die Zusammenarbeit mit den Kollegen dort. (lacht) 




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